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 · Kombinationswirkungen von Alltaggiften

Kombinationswirkungen von Alltaggiften

Ende 1993 wurde z.B. die 12millionste chemische Verbindung synthetisiert. Zum Vergleich 1954 waren es 600 000 Verbindungen. Über deren Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt ist so gut wie nichts bekannt. In der MAK-Liste für Gefährliche Arbeitsstoffe sind ca. 1500 Stoffe aufgeführt.
Welche Stoffe oder Stoffgemische, wo und wann, in welcher Konzentration, mit welcher Belastungszeit usw. man aufnimmt, ist vollkommen unbekannt und nur schlecht nachvollziehbar.(1)

Kombinationswirkungen oder Synergismen entstehen bei gleichzeitiger Anwesenheit verschiedener Alltagsgifte. Je nach Art dieser Faktoren können sich ihre Wirkungen einfach summieren, sie können aber auch exponentiell zunehmen (wie z.B. Blei und Quecksilber, PCP und Dioxinen, Pyrethroiden und Lösemitteln, PCB und Dioxinen) oder sich gegenseitig aufheben.

Menschen sind nie nur einem Alltaggift ausgesetzt, sondern vielen, die sich durch Wechselwirkung gegenseitig verstärken.

Alkohol in kleinen Mengen fördert die Aufnahme und Speicherung der fettlöslichen Gifte. Rauchen verstärkt jede Giftwirkung immens - auch Passivraucher.

Auf welcher Wirkungsgrundlage die Kombinationswirkung beruht, ist weitgehend unbekannt.
Am besten erforscht sind Synergismen noch in der Pharmakologie. Deshalb kann in manchen Fällen auf den Beipackzetteln von Medikamenten angegeben werden, wann mit schädlichen "Nebenwirkungen" zu rechen ist bzw. welche anderen Wirkstoffe (andere Medikamente, Alkohol, Schlafmittel) solche Nebenwirkungen hervorrufen können. Meistens findet man aber auch auf den Beipackzetteln nur den Hinweis "Nebenwirkungen unbekannt".
Über Synergismen von Arbeitsstoffen in Bau- und Einrichtungsmaterialien ist noch sehr viel weniger bekannt. Genauer wurden bisher nur die Kombinationswirkungen einiger besonders häufig und in großen Mengen vorkommender Arbeitsstoffe (meistens Lösemittel) untereinander und die Kombinationswirkungen solcher Arbeitsstoffe mit besonders häufig vorkommenden Medikamenten wie Schmerz- und Schlafmitteln untersucht. Die bisher umfassendste Veröffentlichung dazu, erarbeitet von H. Greim und W. Dessau von der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung, erschien 1985 unter dem Titel "Kombinationswirkungen organischer Lösungsmittel. Toxische Wirkungen auf Leber und Nervensystem" (Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz. Forschung - Fb Nr. 442) oder ((1) S. 26). Die folgenden Zusammenfassungen beziehen sich hauptsächlich auf diese Veröffentlichung:

  • Ethanol verstärkt die leberschädigende Wirkung chlorierter Kohlenwasserstoffe, die in Löse- und Reinigungsmittel vorkommen (z.B. Trichlorethylen und Perchlorethylen). Die synergistische Verstärkung ist besonders groß, wenn es sich um sehr geringe Mengen an Ethanol und Tetrachlorkohlenwasserstoff handelt. Bei Erhöhung der Konzentrationen nimmt die synergistische Verstärkung ab.
  • Eine geradezu dramatische Wirkungsverstärkung der Leberschädigung ergibt sich bei einer Kombination aus Ethanol, Tetrachlorkohlenstoff und Pyrazol, einem Ausgangs- und Inhaltsstoff von Schmerzmitteln (z.B. Pyramidon).
  • Kohlehydratarme Ernährung verstärkt den Synergismus von Ethanol und Chlorkohlenwassserstoffen, fettarme dagegen nicht.
  • Ähnliche Wirkungen wie bei Ethanol gibt es auch bei Aceton und anderen Ketonen. Dabei scheint die synergistische Wirkungsverstärkung mit zunehmender Länge der Molekülkette anzusteigen (MEK= Methylethylketon stärker als Aceton, MBK=Methylisobutylketon stärker als MEK). Bei Alkoholen scheint es diesen Zusammenhang zwischen Kettenlänge und Wirkungsverstärkung nicht zu geben. Zwar ist die Wirkungsverstärkung bei Isopropanol erheblich größer als bei Ethanol, bei den noch längerkettigen Butanolen ist sie dagegen kaum vorhanden.
  • Auf noch unerforschte Kombinationswirkungen von Inhaltsstoffen vor allem in Beschichtungsmitteln und Bauklebern geht sehr wahrscheinlich auch das "Sick-House-Syndrome" zurück, das immer mehr Leute befällt, die in Neubauten oder frisch renovierte Wohnungen einziehen.
    Es äußert sich in lauter "unspezifischen" Symptomen wie Kopfschmerz, Gliederzittern, Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche, Müdigkeit und Kribbeln in Händen und Füßen. Skandinavische Arbeitsmediziner haben in dem gemeinsamen Auftreten dieser Symptome ein Krankheitsbild gefunden, das besonders bei Malern und Lackierern häufig auftritt. Sie nannten die Krankheit "Psychoorganisches Syndrom" (POS).(2)

    Grenzwerte
    Es gibt keine ungefährliche Dosis. Die Grenzwerte spiegeln nur das Hauptrisiko. Die Medizin weiß heute im allgemeinen noch nichts über Alltagsgifte und so werden die Grenzwerte der Arbeitsmedizin übernommen. Das sind Werte bezogen auf einen gesunden Arbeiter auf eine einzige Substanz (Immissionswerte und Konzentrationswert oder ihre Stoffwechselproduktion im biologischen Material, d.h. im Urin, Blut u.a.) jedoch nicht um Stoffgemische, wie sie im Alltag vorkommen. Risikogruppen, wie Kinder, Alte und Geschwächte berücksichtigen die Grenzwerte der Arbeitsmedizin nicht.
    Die Hauptwirkung der Alltaggifte ist eine Allergie, die sich später gegen den eigenen Körper richten kann, eine sogenannte Autoimmunerkrankung.
    Durch amerikanische Toxikologen wurden Entdeckungen gemacht, dass giftige Chemikalien bereits bei Werten toxisch wirken können, die weit unter den medizinischen Standardbewertungen liegen.

    Zu den Alltaggiften mit potentieller subklinischer Neurotoxizität gehören Schwermetalle wie Blei, Cadmium, Quecksilber, Chrom(III) oder Thallium. Sie können in manchen Pigmenten (nur noch relativ selten), in Kosmetika, als Stabilisatoren in Kunststoffen oder in Holzschutzsalzen enthalten sein; Thallium befindet sich z.B. im Tabakrauch und kann in Zementen als Verunreinigung vorkommen. Weiterhin gehören dazu organophosphathaltige Schädlingsbekämpfungsmittel und manche chlorierte Kohlenwasserstoffe. Obwohl sich die subklinische Neurotoxizität oft nur diskret bemerkbar macht, können die neurologischen Funktionsänderungen (z.B.Intelligenzverlust, Verhaltensstörungen, Müdigkeit u.a.) verheerende Wirkungen haben. Die Störungen sind irreversibel, da das Zentrale Nervensystem wenig regenerationsfähig ist. (1)

    Ein Fakt, der gerade bei den Schadstoffanalysen in den Wohnräumen kaum Beachtung findet, ist eine fehlende Betrachtung des gesamten Lebensbereiches des Betroffenen, z.B. im Wohn-, Arbeits- und Freizeitbereich. Um dies an einem Beispiel zu verdeutlichen. Im Schlafzimmer ist eine optisch kaum bemerkbare erhöhte Schimmelpilzkonzentration (z.B. Aspergillus fumigatus) vorhanden, im viel genutzten Hobbyraum liegt eine höher Staubbelastung mit Cladosporium spp. u.a. sowie geringe Mengen an Schwermetalle vor. Am Arbeitsplatz sind zeitweise chlorierte Kohlenwasserstoffe vorhanden und in der Kantine kann man die Luft schneiden (Passivraucher). Der Weg zur Arbeit erfolgt mit dem Fahrrad entlang einer sehr stark befahren Autostraße. Der Arbeitstag zwar anstrengend und es wird noch ein Schmerzmittel eingenommen.
    Die Luftschadstoffanalyse im Wohnzimmer ergibt eine geringe Formaldehydbelastung von kleiner 0,02 ppm, Restausgasung aus einen 10 Jahre alten Schrank. Hier wird deutlich, dass eine lokale Betrachtungsweise zwar ein Messergebnis aufzeigt aber nicht zu einer Lösung führt.

    Quelle:
    (1)Daunderer, Max; Gifte im Alltag, 1. Aufl. München: Beck, 1999, S. 17, 26 ff
    (2) Kur, Friedrich; Wohngifte, Handbuch für gesundes Bauen und Einrichtungen, 3. Aufl. Verlag Eichborn, 1993, S. 549 ff


    2005-07-10 19:15
    Autor: Peter_Rauch
    Beruf:Dipl.-Ing.oec., Chem.-Ing.
    Anschrift:Bucksdorffstraße 28, D-04159 Leipzig
    Email: »mailto:ib-rauch@gmx.de
    Homepage: »http://www.ib-rauch.de
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    Created : 2006-12-23 20:03 (-128 days)
    Modified: 2006-12-23 20:16 (-128 days)
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