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 · Schimmelpilzschäden in den Wohnungen

Schimmelpilzschäden in den Wohnungen

Feuchte Wände, klamme Wohnungen und die damit verbundene Schimmelpilzbildung hat es schon immer gegeben. Je nach wirtschaftlicher Situation wurden solide oder preiswerte Gebäude gebaut.

Abhängig von dieser Bauausführung und der verwendeten Baustoffe kam bzw. kommt es zu unterschiedlichen bauphysikalischen Erscheinungen in den Gebäuden. Es wurde hier mit Absicht der Begriff „Erscheinung“ gewählt, da eine Vielzahl der am Gebäude wirkenden Gesetzmäßigkeiten, vor allem ihre gegenseitige Wechselwirkung, nicht hinreichend bekannt sind.

Sehr bedenklich ist nun, dass trotz des höheren Erkenntnisstandes und der Bauerfahrungen über viele Jahrhunderte oder besser seit Jahrtausende sich ein statistisch belegter Trend abzeichnet, wo es innerhalb der letzten Jahre in Deutschland zunehmend zur sichtbaren Schimmelpilzbildung in Wohnräumen gekommen ist.

Nachfolgend ausgewählte Hinweise, die zu einer höheren Schimmelbelastung führen bzw. diese vermeiden können.

  1. Die früher verwendeten Baustoffe wie Natursteine, »Lehm oder »Holz haben zum Teil günstigere bauphysikalische Eigenschaften als die neueren Baustoffe, wie »Polystyrol u.a., in Bezug auf »Dampfdiffusion und Wasserdampfaufnahmevermögen. Wobei aber auch zu beachten ist, dass die Naturprodukte nicht für jede Anwendung der optimale Baustoff ist.
  2. Die Wandoberflächen wurden mit »Kalkfarbe, Kreide oder »Leimfarben beschichtet, die eine ungehinderte Wasserdampfdiffusion ermöglichen und zusätzlich ein Festigkeits- und Spannungsausgleich bedingen (gleiche Eigenschaften hat auch die »Silicatfarbe. Dagegen werden heute bindemittelreiche »Dispersionsfarbenanstriche und Tapeten mit hohen Kunstoffanteilen verwendet, die eine »Wasserdampfdiffusion bzw. die Adsorption (Eigenschaft der Baustoffe kurzzeitig Feuchtespitzen aufzunehmen) behindern. Einige Anstriche bilden eine Dampfsperre. Es kommt zur Durchfeuchtung zwischen dem Putz und der Beschichtung sowie zur Blasenbildung und zum Abblättern. Zu den Kaseinfarbanstrichen sei hier gesagt, dass sie eine hohe Empfindlichkeit gegen Schimmelpilze und Fäulnisbakterien haben und daher nur für trockene gut temperierte Räume geeignet sind.
  3. Bei einer Beheizung mit Öfen wurde gleichzeitig für einen zusätzlichen Luftaustausch gesorgt. Die benötigte Verbrennungsluft bewirkte ein Nachströmen von kühlerer und somit trockener Außenluft durch die Fensterfugen. Bei einer Konvektionsheizung tritt dieser Effekt nicht auf. Demzufolge führt diese auch zu einer höheren Konzentration an Raumfeuchte, da eine geringere Lüftungsrate vorliegt. Hinzu kommt aber auch, dass Öfen Strahlungsheizungen sind und so die Wandoberflächen erwärmen. Damit erfolgt eine Temperierung der Außenwandoberfläche.
  4. Die Entwicklung des Wohnungsstandards hat sich verändert. So betrug vor 40-50 Jahren der häusliche Wasserverbrauch nur einen Bruchteil des heutigen. Damit wurde auch nur ein kleinerer Teil der Wasserdampfmenge freigesetzt. So waren Toiletten zum Teil außerhalb der Wohnung, in den meisten Fällen gab es nur eine Wasserzapfstelle, und Waschmaschinen waren noch selten. Die Wäsche wurde im Waschhaus gewaschen. Wo kein Badezimmer vorhanden war, ging man in die öffentlichen Badeanstalten.
  5. Die Dachböden wurden zum Wäschetrocknen genutzt. Heute sind die Wohnungen, so dass oft die (kleine) Wäsche in der Wohnung getrocknet wird.
  6. Durch die ständige Verringerung des zur Verfügung stehenden Haushaltseinkommens sind Sparmaßnahmen erforderlich. Dies drückt sich in einer kleineren Wohnung (Raumvolumen/Person) und in den Einsparungen bei der Heizung aus. Dem gegenüber steht aber auch eine ständige Verringerung der Familiengröße bzw. die Anzahl der Personen pro Haushalt. (Zunahme an Singlehaushalten). Die Wohnfläche bzw. das Raumvolumen pro Bewohner wird zwar in diesem Fall größer aber in vielen Fällen gerade in den Einraumwohnungen findet der gesamte Tagesablauf und das Schlafen in einem Raum statt.
  7. Sozioökonomische Merkmale, wie z.B. selbst genutztes Wohnungseigentum, beeinflussen die Schadenshäufigkeit, so dass die Anzahl der Feuchteschäden geringer ist. »31
  8. Durch vorsätzliche und falsche Handlung einiger Mieter werden Schäden verursacht. Eine Außenwandecke ist eine geometrische Wärmebrücke und kein Baumangel. Diese Gegebenheit muss akzeptiert werden und es kann z.B. hier kein großer Schrank oder andere Einrichtungs- gegenstände aufgestellt werden, so dass die Temperierung der Außenwand unterbrochen wird. Ebenso ist in einer Wohnung nicht waschmaschinenweise die Wäsche zu trocknen.
  9. Durch Eigentümer sind trockene, für Wohnzwecke geeignete Räume zur Verfügung zu stellen. Hier sollen nur beispielhaft aufgezählt werden, Baufeuchtigkeit, Feuchtigkeit nach größerem Wasserschaden, kaputte Dachentwässerung, aufsteigende Feuchtigkeit, fehlende ausreichende Lüftungs- und Heizungsmöglichkeiten usw.
  10. Durch die ständig steigenden Energiepreise werden die Heizungskörper in einigen Räumen abgestellt. Die indirekte Heizung der Räume erfolgt über offene Zimmertüren. Wärmere Luft strömt an die kühlen Außenwände (meist über der Sockelleiste befindet sich die kälteste Wandoberfläche) und die Feuchtigkeit taut dort aus. Liegen unterschiedliche Raumtemperaturen in einer Wohnung vor, so sind die Türen geschlossen zu halten. In den kühleren Räumen ist an kalten Wintertagen die Heizung wenigsten zeitweise auf einer niedrigen Stufe zu betreiben, so dass es nicht zur vollständigen Auskühlung kommt.
  11. Die Nachtabsenkung erfordert am nächsten Tag ein Aufwärmen des abgekühlten massiven Mauerwerkes. Nicht nur das an dieser kühleren Wandoberfläche eine höhere relative Luftfeuchte vorliegt, so beeinflusst die niedrigere Oberflächentemperatur auch die Behaglichkeit. Die Heizung wird daher etwas höher eingestellt. Die Nachabsenkung bringt nur bei Leichtkonstruktionen Energieeinsparungen. Bei Massivbauten kann dies eher zum Gegenteil führen.
  12. Kann sich die Luft vom Keller bis zum Dachboden über das Treppenhaus in einer Luftwalze bewegen, so kommt es zum Luft- und Feuchtigkeitsaustausch über mehrere Etagen. In vielen Fällen kann es am massiven Mauerwerk zum Kellereingang zum Tauwasserausfall kommen.
  13. Es werden heute zusätzlich Räume zu Wohnzwecken oder als Büro genutzt, die bisher die Funktion einer Abstellkammer, Keller oder als Trockenboden hatten. Eine Funktionsänderung gerade bei vielen älteren Gebäuden war konstruktiv nicht vorgesehen. Statt der Wäschetrockenböden werden jetzt Trockenräume im (kalten und feuchten) Keller vorgesehen. Wohnräume stellen wesentlich höher Anforderungen an das Raumklima als Nebenräume. Diese Kriterien müssen bei der Planung und Ausführung berücksichtigt werden.
  14. Bei den Fenstern hat eine Entwicklung stattgefunden, die gleich in mehrfacher Hinsicht die Feuchtigkeitsprobleme in den Wohnungen verschärft:
  15. An den Einfachverglasungen stellten sich die eindeutig niedrigsten Temperaturen in der gesamten Wandfläche ein. Waren die Scheiben beschlagen, wurde dem Wohnungsnutzer signalisiert, dass gelüftet werden sollte. Heute können selbst innenliegende Wände, z.B. Treppenhauswände, eine niedrigere Oberflächentemperatur haben als die Isolierverglasung.
  16. Durch den Einbau von Isolierverglasung speziell im Altbaubereich verlagert sich die kältere Temperaturzone an die Wandanschlüsse. Es entstehen so neue Wärmebrücken bzw. vorhandene werden jetzt deutlich. Es kommt zur Tauwasserbildung. (Bilde 3.2.1. und 3.2.2.)
  17. Gegenüber mehrflügeligen Fenstern ragt der heutige große Fensterflügel zu weit in den Raum. Es wird die Kippstellung zum Lüften bevorzugt, was jedoch feuchtetechnisch ungünstig und zu dem energieverschwendend ist und auch zu Feuchteschäden führen kann.
  18. Durch die Fugen zwischen Rahmen und Flügel konnte auch bei geschlossenem Fenster kontinuierlich ein Lüftungsausgleich erfolgen. Bei den heutigen Konstruktionen wird dies nahezu vollständig unterbunden. Ein bewusstes Lüftungsverhalten ist nur zu realisieren, wenn ein lüftender Bewohner ständig anwesend ist. Bei einer Berufsausübung ist man unter Umständen 10 oder mehr Std. nicht anwesend, so dass sich die Lüftung auf 1 bis 2 Stoßlüftungen beschränken muss. Aus diesem Grund baut man heute undichte Dichtungen und Lüftungsschlitze in die modernen fugendichten Fenster ein.

Quelle: Rauch, Peter; »Schimmelpilze in Wohngebäuden 2007, ISBN9783000207273, S.12


Created : 2007-04-19 11:11 (-12 days)
Modified: 2007-04-19 11:31 (-12 days)
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